Menubalk

 

 

 

 

 

 

 

update: 19-07-2009

Mit genehmigung von Tageszeitung Trouw und Author übernommen.

Das Urheberecht gehört Trouw.

 

ENGLISH

DEUTSCH

NEDERLANDS

 

Terug naar Muziek

 

 

Das frivole Gegenstück der
'Kreissäge des Glaubens'

Christo Lelie
Übersetzung: Martin Schubert, Berlin

 

© Trouw 2009, der Artikel ist urheberrechtlich geschützt.
Amsterdam - 21. Noember 1996, veröffentlicht in der Tageszeitung 'Trouw'

Dem Harmonium hängt sicherlich ein calvinistischer Geschmack an. Ist es eigentlich ein vollwertiges Musikinstrument? Der flämische Organist Joris Verdin bemüht sich seit Jahren um die Ehrenrettung des Harmoniums in der Musikpraxis.
Eine Geschichte über die Gegenüberstellung von Druckwind und Saugwind.
[Konzertankündigung  1996]

Viele Niederländer von protestantischer Herkunft dürften ähnliche Erinnerungen an das Harmonium haben. Wegen der Assoziation mit der calvinistischen Erziehung hat es einen hohen “Zurück nach Oegstgeest”-Gehalt (Anspielung auf den Roman, in dem Jan Wolkers seine Jugend in einem reformierten Elternhaus verarbeitet). Nicht umsonst wird es die 'Kreissäge des des Glaubens genannt. Ein vollwertiges Musikinstrument scheint es nicht zu sein, höchstens ein nostalgisches Möbelstück, ein Relikt aus der Vergangenheit, mit dem man schon mehr oder weniger abgeschlossen hat.

Trotz dieses negativen Bilds profiliert sich der flämische Organist Joris Verdin schon viele Jahre als erfolgreicher Befürworter des Harmoniums als Konzert- und Kammermusik-Instrument. Am Sonntag beginnt eine Konzertreihe, in der er das holländische Publikum mit diesem verachteten Instrument in einer weltlichen Gestalt bekannt macht.

Um zu verfolgen, was ihn bewegt, sich für ein vorbelastetes Instrument einzusetzen, konfrontiere ich Joris Verdin in einem Interview mit dem Bild des Harmoniums als 'Psalmenpumpe'. "Für das Harmonium, wie es am Beginn des 20. Jahrhunderts in den Niederlanden, England, Amerika und Norddeutschland weite Verbreitung fand, trifft das Bild zu," ist seine Reaktion, "aber das Harmonium ist nicht allein dieses protestantische Instrument, das allein für die Gesangbegleitung geeignet ist. Das Harmonium, auf dem ich spiele, ist nach Klang, Bau und sicher nach dem Gebrauch ein völlig anderes Instrument: Es ist das Druckwindharmonium, wie es in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich, Belgien und anderen südlichen Landen vorkam. Dieser Typ kommt am stärksten der Ästhetik der Romantik entgegen."

Laut Verdin ist das Harmonium aus demselben Bedürfnis nach dynamischem Ausdruck entstanden, der zuvor zur Erfindung des Pianofortes geführt hat. "In dieser Hinsicht hat es im Ursprung nichts mit einem Kircheninstrument zu tun," betont Verdin. "Man suchte nach einem neuen Tasteninstrument, auf dem man laut und leise spielen konnte. Es war in erster Linie für den Salon gedacht. Ein Harmonium war wesentlich preiswerter als ein Piano; so fand es rasch eine große Verbreitung. Das zeigt sich auch in der Menge der originalen und bearbeiteten Harmoniummusik, die im 19. Jahrhundert veröffentlicht wurde. Es waren übrigens sicher nicht die geringsten Komponisten, die dafür schrieben. Unter den Werken von Franck, Gounod, Karg-Elert, Boëllmann, Guilmant, Saint-Saëns oder Widor finden sich echte Meisterwerke."

Dies sind bei weitem nicht alles langweilige, fromme Werke; es geht oft um frivole, geistreiche, virtuose Kompositionen, um poetische Klangschilderungen oder großangelegte Sonatenformen.

Verdin erklärt, dass das Harmonium ursprünglich als der südliche Typ entwickelt wurde. Die früheste 'orgue expressif' von Gabriel-Joseph Grenié, 1810 in Paris gebaut, die 'Physharmonica' von dem Wiener Bauer Antoine Haeckl von 1818 und das erste Harmonium, das 1842 von Alexandre François Debain in Paris patentiert wurde, arbeiteten nach dem Druckwind-System: d. h. durch das Treten von Blasebälgen wurde Druck in der Windlade aufgebaut; durch das Drücken einer Taste wurde ein Ventil geöffnet, so dass der Klang aus dem Instrument herausgeblasen wurde. Beim Saugwindharmonium, das erst viel später aus Amerika und Deutschland in unsere Gegenden kam, passiert genau das Umgekehrte: Durch das Treten wird Unterdruck aufgebaut, der dafür sorgt, dass beim Anschlagen die Außenluft ins Instrument hineingesaugt wird. So ein instrument schluckt in der Tat den Klang; darum klingt es viel introvertierter als das brutale Druckwindharmonium.

Die Klangquelle des Harmoniums kann mit der eines Holz blasinstruments oder dem Zungenregister einer Orgel verglichen werden (nicht umsonst heißt der englische Name 'reed organ'): Indem an einer Membran, der 'Zunge', Luft entlanggepresst wird, gerät diese in Schwingung und es entsteht ein Ton. Diese Zunge, wie sie im Harmonium und im Akkordeon gebraucht wird, ist ein kleiner Messingstreifen, der keine Pfeife als Klangverstärker nötig hat. Bei solchen, sogenannten durchschlagenden Zungen verändert sich bei verschiedenem Winddruck nicht die Tonhöhe, aber die Lautstärke. Das ist die Essenz des Harmoniumtons.
Bei Saugwindharmonien hat stärkeres oder schwächeres Treten dennoch kaum einen Effekt. Das kommt durch den Magazinbalg, der für eine stabile Windstärke sorgt. Auch die Druckwindharmonien haben so einen Magazinbalg, aber dieser kann mit einem besonderen Knopf, der 'Expression', ausgeschaltet werden.

Verdin sagt, dass für seine Begriffe die Expression immer offen stehen muss: "Das ist das Wesen des Harmoniums. Dank der Expression wird die Klangintensität durchgängig durch die Füße des Spielers geregelt. Dieses Treten scheint vielleicht eine niedrige oder ungelenke Beschäftigung, aber es ist der Kern des Harmoniumspiels. Die Trettechnik, vergleichbar mit der Bogenführung eines Geigers, verlangt eine enorme Koordination. Ich habe einige Monate gebraucht, um sie zu lernen."

Dass der Ton bei der kleinsten Unregelmäßigkeit im Treten stockt oder aussetzt, fühle ich am eigenen Leib, als ich einen Tag nach dem Gespräch mit Joris Verdin ein Debain-Harmonium in derSammlung des Harmoniumkenners Maarten Stolk spiele. Dessen stimmungsvolle Wohnung am Polder am Rand von Spijkenisse im Stil des späten 19. Jahrhunderts hat er mit Harmonien vollgestellt, größtenteils mit der in unserem Land so seltenen Druckwindsorte.

Auf dieses frühe Instrument von Debain, dem offiziellen Erfinder des Harmoniums, ist er mächtig stolz. Die Form - ein eleganter, niedriger, rechteckiger Holzkasten -, die Disposition mit getrennten Registern für Bass und Diskant und die Expression sind die auffälligsten Merkmale von Debains Entwurf. Sie wurden durch alle Erbauer von Druckwindharmonien, darunter die bekannten Pariser Firmen Alexandre und Mustel, übernommen.

Als Maarten Stolk auf diesem Harmonium ein Stück aus der bekannten Harmoniumsammlung 'L'Organiste' von César Franck hören lässt, wird mir deutlich, dass Joris Verdin recht hat, dass dieses Instrument mit seinem reichen dynamischen Ausdruck und zudem sehr kräftigen, obertonreichen Klang im Kern kein kirchliches Instrument ist.

Es klingt eher wie ein gigantisches Akkordeon.

Verdin: "Das Harmonium ist erst am Ende des 19. Jahrhunderts in der Kirche gelandet. Es war billig in Anschaffung und Unterhalt; obendrein brauchte man keinen Balgtreter. Ab diesem Moment sieht man, dass die Expression zurückgeht. Bei religiösen Stücken stand oft notiert, dass die Expression nicht gebraucht werden durfte. Dies erklärt auch, warum gerade das Saugwindharmonium, das in der Regel keine Expression hatte, so einen Erfolg in der Kirche hatte. Dessen Klang ist vor allem auf eine nuancierte Klangfarbe gerichtet."

"Das ist auch ein Verdienst, aber für mich kommt das immer an zweiter Stelle, denn die Expression geht über alles. Früher wollte ich darum nichts mit Saugwindharmonien zu tun haben. Gegenwärtig bin ich darin genauer und sehe, dass auch darunter qualitativ hochwertige Instrumente vorkommen, wenn auch nur sporadisch. Die meisten Saugwindharmonien sind nämlich billige Massenprodukte. Dem verdankt es auch einen guten Teil seines schlechten Rufs. Vor allem in Amerika ging es oft mehr um das imposante Möbel, mit Spiegelaufsatz oder eingebauten Bücherregalen, als um das Instrument selbst."

Die Unterschiede zwischen Druck- und Saugwindharmonien zeigen sich nicht nur in der Dynamik. Maarten Stolk zeigt dies auf dem Prunkstück seiner Sammlung, einem Instrument von Victor Mustel, 1875 in Paris gebaut. Im vorigen Jahr entdeckte Stolk, dass dieses Instruement im Besitz von Jaap Nikolaas Lemmens war, dem bekannten belgischen Orgelkomponisten, der es zuhause und auf Konzertreisen benutzte in der Zeit, als er in London wohnte.

Stolk erklärt, dass die Trennung der Bass- und Diskantregister ein wesentliches Merkmal ist. Die Komponisten beachteten dies auf raffinierte Weise, so dass eine Hand herausgehobene Melodien spielen konnte. Dann lässt er die ‘Perkussion' hören. Wenn dieses Register gezogen ist, schlagen kleine Hämmerchen gegen die Zungen, um den Ton schneller ansprechen zu lassen, was ein rasend schnelles Scherzandospiel - undenkbar auf einem Saugwindharmonium - möglich macht. Der Klang erinnert an den einer Hammond-Orgel. In einem meditativen Stück von Lemmens, dass ganz sicher auf genau diesem Instrument komponiert worden ist, lässt Stolk hören, wie die Perkussion den dynamischen Bereich vergrößert, weil die Zunge, durch das Hämmerchen angeregt, schon beim geringsten Winddruck in Schwingungen gerät.

In einem anderen Zimmer steht ein Instrument von Mustel von 1912. Es klingt nicht so extrovertiert wie das alte Instrument vom Großvater Victor Mustel. Es verfügt über raffinierte Register, wie das 'Prolongement', das dafür sorgt, dass einmal angeschlagene Bassnoten weiterklingen. "Dieses Instrument erfüllt die Ansprüche, die Sigfrid Karg-Elert, der produktivste Harmonium-Komponist der Zeit um 1900, an das Harmonium stellt," erklärt Maarten Stolk.

"Karg-Elert war ein Deutscher, aber er schrieb für das französische 'Harmonium d'art' oder 'Kunstharmonium'. Das war ein Standard der Disposition und Klaviaturteilung beim Druckwindharmonium. Solche Instrumente hatten eine übereinstimmende Registernummerierung. Mit Ziffern konnten die Komponisten exakt die gewünschte Registrierung angeben. Durch diese Vorschriften kann man die spezifische Literatur für das Druckwindharmonium unmöglich auf einem Saugwindharmonium spielen, geschweige denn auf einer Kirchenorgel."

Harmoniummusik würde Joris Verdin daher auch nie auf einer Orgel spielen. Er warnt sogar, dass die Anmerkung in französischen Harmoniumausgaben 'pour orgue' keineswegs bedeutet, dass es für Kirchenorgel gemeint ist. "Dann steht da immer 'pour grand orgue'. Das führt immer wieder zu völlig falschen Interpretationen von ursprünglicher Harmoniummusik."

Offensichtlich ist das Harmonium ein vollwertigeres Musikinstrument als man gewöhnlich denkt. Das führt zu der Frage, ob es ein ähnliches Comeback erleben wird wie seinerzeit das Cembalo und jetzt das Hammerklavier. Verdin ist in der Hinsicht skeptisch. Er glaubt, dass die Zeit noch nicht reif dafür ist: "Erst wenn in keiner einzigen Kirche mehr ein Harmonium zu finden ist, hat es eine Chance für eine wirkliche Rehabilitation."

Übersetzung: Martin Schubert